Forscher finden wissenschaftliche Erklärung für „Männergrippe“

Eines der verbreitetsten Klischees überhaupt ist das von der „Männergrippe“. Immer wieder gern wird die Geschichte kolportiert von den Männern, die nicht einfach nur schlicht erkältet sind, sondern gleich an einer Grippe mit besonders schwerem Verlauf leiden – und das sehr viel intensiver als Frauen. Die gängige Erklärung für dieses Vorurteil: Die Vertreter des männlichen Geschlechts sind eben wehleidiger – als Frauen – und neigen dazu, selbst kleine „Wehwehchen“ zu einer ernsten Erkrankung hochzustilisieren.

Allerdings haben Wissenschaftler in jüngster Zeit herausgefunden, dass Männer auf einige Infekte tatsächlich heftiger reagieren als Frauen. Dies trifft demnach auch für grippale Infekte und „richtige“ Grippeerkrankungen zu. Dafür sollen sowohl veranlagungs- als auch evolutionsbedingte Gründe ausschlaggebend sein. So fanden etwa kanadische Forscher heraus, dass das männliche Geschlechtshormon Testosteron die Immunabwehr einschränken kann. Dagegen sorgt das weibliche Sexualhormon Östrogen für die Vermehrung spezifischer Abwehrzellen. Solche Zellen, die bestimmte Krankheitserreger bekämpfen, stehen dem körpereigenen Abwehrsystem nicht permanent ausreichend zur Verfügung. Vielmehr muss ihre Produktion im Bedarfsfall erst hochgefahren werden. Somit bewirkt Testosteron hier das Gegenteil von Östrogen: Das Immunsystem von Frauen ist abwehrbereiter und kann schneller wie auch aggressiver gegen die Angriffe der Krankheitserreger vorgehen als das männliche. Deshalb seien Männer anfälliger für bestimmte Infektionen als weibliche Wesen, so die Wissenschaftler.

Ein weiterer Umstand, der geeignet ist, den Gemeinplatz vom „jammernden Weichei“ Mann wissenschaftlich zu widerlegen, findet sich in den Erbanlagen: Männer weisen bekanntlich ein X- und ein Y-Chromosom auf, Frauen hingegen zwei X-Chromosome. Auf Letzteren sollen deutlich mehr Erbinformationen codiert sein, die Frauen ein im Vergleich mit Männern stärkeres Immunsystem verschaffen. Das ergab etwa die Forschung von Molekularbiologen der Universität Gent. Auch dies bedeutet demnach, dass Männer bei der Abwehr von Infekten von Natur aus benachteiligt sind.

Der Mediziner Kyle Sue von der Memorial University of Newfoundland im kanadischen St. John’s kam bei seiner Forschung ebenfalls zu dem Ergebnis, dass der männliche Körper offenbar bestimmte Infekte schlechter in den Griff bekommt als der weibliche. Begründung auch hier: Die Immunreaktionen bei Frauen sind intensiver als bei Männern. Der Wissenschaftler verweist in dem Zusammenhang auf epidemiologische Studien, denen zufolge Männer zum Beispiel öfter mit Grippeerkrankungen ins Krankenhaus müssen und auch häufiger daran sterben als Frauen gleichen Alters. Dies sei ebenfalls bei anderen Virusinfektionen der Atemwege der Fall, berichtet Sue. Auch er hält aufgrund seiner Studien das männliche Geschlecht für anfälliger als das weibliche. Bei Männern bestehe zudem die größere Gefahr von Komplikationen und ein erhöhtes Risiko, dass solche Erkrankungen tödlich verlaufen, meint der Mediziner.

Die immunologische Schwäche des „starken“ Mannes hält der Wissenschaftler im Übrigen unter evolutionären Aspekten für durchaus sinnvoll, da die männlichen Wesen durch einen heftigeren Krankheitsverlauf früher davor geschützt worden seien, sich in geschwächtem Zustand mit Feinden auseinanderzusetzen – also dann, wenn sie „schlechtere Karten hatten“. Stattdessen kurierten sich die Männer erst einmal aus und sorgten so dafür, dass sie wieder ordentlich zu Kräften kamen.

Ob diese jüngeren Forschungsergebnisse nun das Vorurteil vom wehleidigen Mann korrigieren können, muss sich zeigen. Denn für viele Zeitgenossen stimmt Herbert Grönemeyers Diagnose „Männer haben‘s schwer, nehmen‘s leicht“ nach wie vor nicht: weder was die erste noch was die zweite Aussage anbetrifft.

 

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