Horror statt Geist der Heilstätten

©A.Krause _ Baum&Zeit _ Chirurgie Planung

Gegenwärtig wird für einen Horrorfilm, welcher im Februar in die deutschen Kinos kommt, getrommelt. Gedanklich verortet wird dieser, laut Produzenten mit wenig Geld produzierte Streifen, in den Beelitzer Heilstätten.

Hier wurde der Filmcrew allerdings das Drehen ihres Streifens nicht gestattet, nachdem sich die wahren Intentionen der Filmemacher vor den angefragten Entwicklern des Geländes nicht länger verbergen ließen. Denn in Beelitz hatte und hat niemand ein Interesse daran, dass die mühsam aus dem Schlaf des Verfalls erweckten Gebäudeensemble erneut Wallfahrtsziel für Subszenen werden. Im Gegenteil ist man hier glücklich unter anderem mit dem LaGa-Projekt des Landes den positiven Entwicklungstrend – weg von einem „lost place“ – weiter voranzutreiben zu können, um dem Vandalismus endgültig einen Riegel vorzuschieben. Denn in der Tat erleiden die Gebäude der Beelitzer Heilstätten, welche bislang noch nicht saniert werden konnten, noch immer Schäden durch illegale Eindringlinge.

Gegen eine Nutzung des – wie ein Markenname bekannten und mit dem Ort Beelitz eng verbundenen – Begriffes „Heilstätten“ kann man sich indes vor Ort kaum wehren. Es gibt in Brandenburg (und ganz Deutschland) zahlreiche historische Heilstätten-Anlagen, so in Sommerfeld, Müllrose, Rathenow, Treuenbrietzen, Belzig, Hohenlychen, Kolkwitz und auch in Grabowsee. Dem Filmverleih ist damit für die Produktion ein Publicity-Coup gelungen. Ja, so kann man auch Geld sparen und den weit über Berlin und Brandenburg bekannten und positiv besetzten Begriff für sich einspannen. Denn „Heilstätten“ waren lange Zeit das Synonym für Hoffnung und Heilung – nicht für Horror und Angst. Zu Zeiten als in Deutschland fast 35% der Bevölkerung an TBC erkrankt waren oder auch in Kriegszeiten, in denen die „Heilstätten“ fast durchgängig als Lazarette dienten, verband man in jeder deutschen Familie mit diesem Begriff (Über-)Lebensmut. Ironie der Geschichte, dieser positiv besetzte Name soll heute für Billig-Grusel werben.

Natürlich aber sind die Beelitzer Heilstätten wohl das größte Denkmalsensemble des Landes Brandenburg, welches bei einem Besuch die Phantasie seiner Besucher auf sehr unterschiedliche Weise anregt. Dies ist vor allem der Schönheit der Kaiserzeitbauten, dem verwilderten Landschaftspark und den Gerüchten aus der wirren Nachwendesituation vor Ort geschuldet. Damals entwickelte sich vor allem das Gelände rund um die Weltkriegsruine „Alpenhaus“, über das heute ein Baumkronenpfad führt, zum Tummelplatz für illegale Partygänger und – wesentlich schlimmer für die Gebäude – auch für Materialdiebe. So wurde beispielsweise allein vom Dach des Chirurgiegebäudes Kupfer im Wert von ca. 90.000 Euro gestohlen. Aus derartigen Aktivitäten erwachsen den heutigen Entwicklern in allen Quadranten der Beelitzer Heilstätten große Herausforderungen bei der Revitalisierung des Geländes.

Insbesondere mit der alten Chirurgie verbinden sich moderne Legenden von paranormalen Aktivitäten, ´wohl die Quelle der Film-Inspiration. Ein Umstand, den die hier wirkenden Touristiker mit einem weinenden und einem lachenden Auge betrachten. Zum einen regt der Ruf als „Geisterhaus“ teils sehr seltsame Besucher an sich umzutun. Zum anderen führt einer der Mitverursacher der Geisterlegenden heute selbst als Guide durch die Anlagen. Er war es, der mit Freunden, die historischen Bauten vor Verfall, Vandalismus und Materialdieben schützen wollte und sie (auch ohne Erlaubnis der Besitzer) betrat um sie zu dokumentieren. Im Keller sitzend erlebte er den Besuch von „seriösen“ Geisterjägern mit ihren hochwissenschaftlichen Geräten. Lange nach Mitternacht, so erzählt er heute lachend, wurde ihm und seinen Freunden die Zeit lang und so sorgten sie für den meßbaren Auftritt von Aktivität im Gebäude. Hochbeglückt verließen erst die Paraphänomalisten und hernach auch die Gebäude-Dokumentaristen den Ort des Geschehens. Dass damit ein Run auf das Gebäude ausgelöst würde, war damals nicht absehbar. Die zahlreichen, geführten Besucher durch die Chirurgie, welche mit Ticket und Helm bewaffnet, diesen Prachtbau des Expressionismus heute bewundern, erfreuen sich auch an derlei Anekdoten. So auch die zahlreichen Blogger und Instagrammer, welche in 2017 angemeldet und kundig geführt den Ort besucht haben. Die TMB und der Fläming-Tourismusverband vermitteln gern auf Nachfrage besondere Orte …

Die (Film-)Kunst ist frei … so werden die unterschiedlichen Entwickler im Heilstättengelände versuchen das nun vorsätzlich beschädigte Image vom neuem Ballast des Morbiden zu befreien und wer weiß, eventuell freut man sich in 20 Jahren über einen touristischen Markenkern „Paraphänomene“ so, wie Schlösser und Burgen über ihre nachts umherwandelnde „weiße Frau“. Der so genannte „Rosa Riese“, ein realer Mörder aus der Nachwendezeit, auf welchen der Film verweist, kommt aber wohl nicht auf die Kandidatenliste – er hatte seine Wirkungsstätte nie in den Beelitzer Heilstätten. Stattdessen könnten die guten Geister der Herren Ferdinand Sauerbruch und August Bier, welche mit ihrer Arbeit in der Chirurgie vielen Menschen das Leben retteten, zu spirituellen Markenträgern werden.

Zersplitterte Fenster, quietschende Treppen, leere Gänge – Gruselatmosphäre wird man übrigens schon sehr bald in Beelitz nicht mehr erleben können. Neue Dächer, gesicherte Fenster – die Vorbereitungen für die LaGa 2022 beginnen in 2017 auch in der alten Chirurgie. Dann müssen sich Horror-Touristen ein neues Ziel suchen.

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