Leserbrief: An einem Sonntagbend im Februar

An einem Sonntagbend im Februar d.J klopfte eine Frau im 2. Stock hinter einem kleinen beleuchteten Fenster heftig mit beiden Fäusten gegen die Fensterscheibe und zeigte dabei Türklinke und Schlüssel. Offensichtlich war sie in Schwierigkeiten und brauchte Hilfe. Das Fenster ließ sich nicht öffnen. Eine Passantin hörte das Klopfen, schaute nach oben und hat auf Zeichen der Frau hin bei zwei Nachbarn geklingelt. Bei den zweiten Nachbarn hatte sie Erfolg, es wurde geöffnet, und die Nachbarin übernahm die Rettungsaktion. Die Passantin winkte noch einmal freundlich zum Abschied und ging weiter, womöglich zur S-Bahnstation. Wer war diese freundliche Passantin? Kann jemand Hinweise geben? Gerne würde sich die gerettete Frau bei ihr bedanken. I.D.
Email an: dorfzeit@yahoo.de


Brigitte allein zuhause

„Tschüss Brigitte, mach‘s gut bis nächsten Sonntag und pass auf dich auf.“ Ich stehe auf
dem Bahnsteig und winke dem Zug nach. Mein Mann wird eine Woche Ski-Ferien in den
Alpen machen. Und ich bleibe zuhause. Es kommt ganz selten vor, dass wir beide länger
getrennt sind. Aber manchmal brauche ich so eine „Brigitte-Woche“ mit Zeit und Ruhe für
eigene Unternehmungen. Jetzt freue ich mich sehr darauf.

Heute ist Sonntagabend, und ich schaue noch die Spätnachrichten. Danach will ich
gemütlich ins Bett gehen und morgen früh ungestört ausschlafen. Bei uns im Haus gibt es
nur ein Fernsehgerät, und das hat seinen Platz im Obergeschoss. Und weil dort auch ein
kleines Gästebad ist, benutze ich vor dem Schlafengehen gleich noch dort die Toilette.

Warum habe ich bloß die Tür so fest zugeklappt? Wo ich doch ganz allein zuhause bin. Ich
weiß es selber nicht. Aber nun ist es zu spät. Ich ging hinein ins Gästebad, gab der Tür
einen Schubs, und sie fiel direkt hinter mir ins Schloss. Dabei hörte ich ein ganz
ungewöhnliches Knacken. Ich bin alarmiert, will die Tür schnell wieder öffnen. Das geht
aber nicht. Ich zerre und ziehe wütend an der Türklinke, doch sie hat keinen Kontakt mehr
zum Schnapper. Und als ich dann die Klinke ganz nach oben drehe, bricht sie ab, und ich
halte sie in meiner Hand. Es steckt noch ein Schlüssel im Schloss. Aber den kann ich
drehen, so viel ich will. Der Türschnapper lässt sich damit nicht bewegen. Spontan denke
ich an eine Scheckkarte oder ein anderes schmales Werkzeug, mit dem ich den
Schnapper vielleicht zurück drücken kann. Aber in unserem kleinen Gästebad findet sich
leider nichts Brauchbares. Dann versuche ich, mit einer Zahnbürste in dem Klinkenloch zu
bohren. Aber die Zahnbürste zerbricht schon nach kurzer Zeit. Mein Handy wäre jetzt
hilfreich. Wenn es nicht unten auf dem Küchentisch liegen würde.

Ich will es erst nicht wahrhaben. Aber dann wird mir immer klarer, dass ich in diesem
engen Raum gefangen bin. Und mein Mann kommt erst in einer Woche zurück. Bis dahin
wird mich niemand vermissen. Was soll ich jetzt bloß machen?

„Brigitte, du musst jetzt einen kühlen Kopf bewahren“, sage ich mir, „und in Ruhe über
einen Ausweg nachdenken“. Hilfe kann nur von außen kommen. Bis heute bin ich jeden
Tag froh darüber gewesen, dass wir für unser Haus ein schönes Plätzchen in dieser
ruhigen Wohnstraße gefunden haben. Doch jetzt ist das ein Nachteil. An diesem späten
Sonntagabend wird kaum noch jemand hier vorbei gehen. Es ist schon nach 22.00 Uhr.

Halt, ich habe Glück! Dahinten kommt ein Mann mit seinem Hund die Straße entlang. So
ein typischer Gassi-Geher. Rasch knipse ich alle erreichbaren Lichter an, stelle mich ganz
breit vor das kleine Fenster und winke mit beiden Armen. In der einen Hand halte ich die
abgebrochene Klinke, in der anderen den Türschlüssel. Öffnen lässt sich das Fenster
nicht. Wir haben überall Einbruchsicherungen, und der passende Schlüssel hängt draußen
im Flur. Aber ich kann an die Scheibe klopfen. Der Mann schaut tatsächlich zu mir herauf.
Ich gebe ihm ein Zeichen, dass er am Nachbarhaus klingeln soll. Ulrike nebenan hat einen
Zweitschlüssel für unser Haus. Und dann wäre ich ganz schnell befreit. Aber Ulrike öffnet
nicht, ist nicht daheim. Ich zeige auf das Haus schräg gegenüber, da soll er klingeln, doch
der fremde Mann nimmt seinen Hund an die Leine, schüttelt den Kopf, geht weiter.

Ich bin verzweifelt. Es wird immer später. Nur in wenigen Häusern entlang unserer Straße
brennt noch Licht. Dann sehe ich plötzlich im Haus direkt gegenüber auf der anderen
Straßenseite unseren Nachbarn Heinz und seine Freundin Ulla im Obergeschoss am hell
erleuchteten Fenster stehen. Wieder beginne ich, wie wild zu winken. Tatsächlich, sie
schauen eine ganze Weile interessiert zu mir herüber. Mit Heinz und Ulla haben wir nicht
so viel Kontakt. Aber in meiner Notlage werden sie mir ganz bestimmt zu Hilfe kommen.
Doch sie wenden sich ab, lassen die Rollläden herunter und löschen alle Lichter im Haus.

Eine Weile trommele ich noch mit aller Kraft gegen die dicke Trennmauer zum
Nachbarhaus und rufe „Ulrike, Ulrike, bist du da?“, in der Hoffnung, dass Ulrike nach
Hause gekommen ist, und mich vielleicht hört. Es erfolgt aber keine Reaktion.
Jetzt muss ich überlegen, wie ich es schaffen kann, die ganze Nacht in dem engen,
kleinen Raum zu verbringen. „Bleib ruhig Brigitte“, sage ich laut zu mir, „so schlecht ist
deine Lage gar nicht. Immerhin hast du Wasser und ein Klo. Und die Heizung funktioniert
einwandfrei. Badezimmermatte und ein kleines Handtuch gibt es auch. Spätestens
morgen früh, wenn die Kinder zur Schule gehen, wirst du entdeckt und befreit.“ Ach nein,
ab morgen sind ja Winterferien. Schulkinder werden hier die ganze Woche nicht
vorbeikommen.

Inzwischen geht es schon auf Mitternacht zu. Jetzt wird es mir zu eng in diesem Raum.
Wie lange reicht die Luft? Ich beginne hektisch zu atmen, habe plötzlich Angst, zu
ersticken. Ab und zu atme ich direkt am Schlüsselloch, von dort kommt frische Luft herein.
Dann stelle ich mich wieder ans Fenster und schaue hinaus in die dunkle Nacht. Nun hat
es auch noch zu schneien begonnen.

Auf einmal sehe ich von weitem eine Passantin die Straße herunterkommen. Sie geht in
Richtung S-Bahn-Station, hat es offensichtlich sehr eilig. Trotzdem beginne ich nochmal
an die Fensterscheibe zu klopfen und mit dem Schlüssel und der Türklinke ganz wild zu
fuchteln. Tatsächlich, die Frau schaut trotz der dichten Schneeflocken nach oben und hält
inne. Auf mein Zeichen hin klingelt sie erst nochmal bei Ulrike nebenan. Aber da öffnet
immer noch niemand. Dann deute ich auf das einzige Haus schräg gegenüber in der
Straße, in dem jetzt noch Licht brennt. Ich habe großes Glück. Die Passantin versteht
gleich, was ich meine, geht hinüber und klingelt am Gartentor von Tina und ihrem Mann.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Tina heraus, eingehüllt in einen dicken Mantel. Die
hilfreiche fremde Passantin winkt mir nochmal kurz zu, dann entschwindet sie zur
Bahnstation.

Nun kommt alles auf Tina an. Sie berät sich mit ihrem Mann, der ebenfalls nach draußen
gekommen ist. Und Beate, Tinas Nachbarin, ist jetzt auch da. Eine Weile habe ich
versucht, die hilfreichen Nachbarn zum Klingeln bei anderen Häusern in der Nähe zu
bewegen. Denn ich weiß, dass Gregor vom Nachbarhaus einen Schlüssel zu Ulrikes Haus
hat. Dann könnte man auf diesem Weg an unseren Zweitschlüssel in der
Küchenschublade bei Ulrike gelangen. Vielleicht haben auch Peter und Gabi vom
übernächsten Haus einen Zweitschlüssel, leider nicht. Aber sie stehen plötzlich dick
eingemummelt auch auf der Straße und winken aufmunternd zu mir herauf. Nur frei
komme ich durch diese allgemeine Anteilnahme leider nicht.

Endlich entschließt sich Tina, einen Schlüsseldienst zu rufen, und schreit es mir zu.
Dankbar habe ich genickt und meinen Daumen in die Höhe gereckt. Tina nimmt ihr Handy
und telefoniert. Dann ruft sie mir nach oben: „in 40 Minuten ist Hilfe da“. Alle winken mir
nett zu und verschwinden dann in ihren Häusern. Vierzig Minuten sind eine schrecklich
lange Zeit zum Warten, besonders in der Nacht. Zweifel plagen mich. Kommt jetzt wirklich
jemand? Habe ich alles richtig verstanden?

Aber nach Ablauf der Wartezeit steht Beate wieder auf der Straße. Sie wartet, um den
Schlüsseldienst abzufangen und einzuweisen. Kurz darauf fährt ein großer gelber
Notdienst-Wagen vor. Ich sehe, wie die Situation erklärt wird, und dann höre ich eine
Bohrmaschine. In knapp fünf Minuten ist der Haustürzylinder aufgebohrt. Eilige Schritte
kommen die Treppe herauf. Endlich öffnet sich diese verdammte Badezimmertür. Es ist
Beate, die die Treppe hoch gewetzt ist. Ich bin frei! Mit Kennermiene beäugt der Mann
vom Schlüsseldienst die abgebrochene Türklinke und das Klinkenloch: „Klarer Fall, ohne
Hilfe wären Sie da nie raus gekommen.“

Am nächsten Tag gehe ich zu meinen Nachbarn und bedanke mich bei allen, die mir in der
Nacht geholfen haben. Tina erzählt mir, dass sie schon ganz früh morgens von Heinz
angesprochen worden ist. Er wollte wissen, was denn in der Nacht los war, ob ich krank
sei. Die Rollos hatte er absichtlich heruntergelassen. Denn mit einer womöglich
betrunkenen Frau oder einem Ehestreit wollte er nichts zu tun haben.

Der unbekannten Passantin, die mir spätabends noch so nett geholfen hat, würde ich auch
gerne Dank sagen. Leider hat sie weder Namen noch Telefonnummer hinterlassen. Aber
Heinz und Ulla, die wohl nur an Ehestreit oder Suff denken können, sollen mir in der
nächsten Zeit bloß aus dem Weg gehen!

Von David, Beates Mann, bekam ich am nächsten Abend bei meinem spontanen Retter-
Umtrunk ein „Bathroom Survival Kit“: Eine Butterbrotdose mit Türklinke, Trillerpfeife am
Lederband und Blatt Papier auf dem in großen Lettern „HILFE“ steht. Es geht doch nichts
über nette und hilfsbereite Nachbarn!

Mein Mann hat mittlerweile alle Türklinkenstäbe, die mit 8 cm viel zu kurz waren, gegen
doppelt so lange ausgetauscht.

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