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Jun 24 2015

Rieselfelder (2): 140 Jahre Berliner Rieselfelder (2/2)

(nach einem Vortragsmanuskript, s. Grünstift…) Ein Teil der Fäkalien der Wohnhäuser wurde in Gruben auf den meist engen Innenhöfen gesammelt und nachts von Frauen (den Druden) in Eimern zur Spree geschleppt bzw. mit Pferdegespannen in z.T. undichten Fässern zu den nahe liegenden Feldern gefahren. Der Gestank war in der Stadt und in der Spree fürchterlich. Der Dichter Friedrich Rückert (1788-1866) schreibt dazu: „Der Spree ist`s weh, sie kann sich nicht entschließen, in Berlin hineinzufliegen, wo die Gossen sich ergießen.“ Er verließ daraufhin entmutigt die Stadt. Endgültig spitzte sich die hygienische Situation zu, als 1866 durch eine englische Gesellschaft das WC eingeführt wurde und damit der Wasserverbrauch enorm stieg, ohne die Entsorgung zu regeln. Die Abwassermengen konnten in den bis zu 50 cm tief  liegenden Rinnsteinen nicht mehr ungehindert abfließen und überspülten die Gehsteige und Straßen. Im gleichen Jahr brach erneut eine  holeraepidemie aus. Die Ursachen für die auftretenden Krankheiten wurden erst 20 Jahre später durch Robert Koch mit der Entdeckung der Bakterien erkannt. In Berlin gab es in dieser Zeit etwa 1500 Brunnen zur Frischwasserversorgung, die auf den Innenhöfen häufig nahe an den Fäkaliengruben lagen. Der bekannte Arzt und Pathologe Rudolf v. Virchow (1821-1902) war seit 1856 Deputierter im Berliner Stadtparlament. Er erkannte die Folgen der unhygienischen Bedingungen aus eigener
Berufserfahrung 1867 wurde er beauftragt eine Deputation zu leiten, die die Belastungen in der Stadt aufkehren und Vorschläge zu deren Beseitigung erarbeiten sollte. Ein Vorschlag von Oberbaurat Wiebe (1860) wurde abgelehnt, weil er das Abwasser ungeklärt in einem Kanalisationssystem direkt in die Spree 140 J. Berliner Rieselfelder ableiten wollte. Der Widerstand war heftig. Der Streit zwischen den Fuhrunternehmern, die um ihre Einnahmen aus dem Verkauf der Fäkalien fürchteten, den Kritikern, die eine Gefahr der belasteten Abwässer auf den Gemüseflächen vorhersagten und den Bauern, die die Vorteile der Fäkalien für die Ertragsbildung aus der Nutzung ihrer hauseigenen, nährstoffhaltigen Gruben kannten. Diese Auseinandersetzungen verzögerten die Lösung des Problems, wobei die Bedenken sich in der Folgezeit z.T. bestätigten. Für Virchow gab es zwei Alternativen: „Kanalisation oder Abfuhr“. Durch seine Bekanntschaft mit dem Bauingenieur, dem  späteren Stadtbaurat James Ludolf Hobrecht (1825 -1902) , der in Stettin als Stadtbaurat Erfahrungen mit der Abwasserableitung gesammelt hatte, konnte ein Projekt zur Abwasserbeseitigung über eine Kanalisation erarbeitet werden. Auch englische Erfahrungen wurden genutzt. Im Jahre 1869 war eine weitsichtige Lösung erarbeitet und den Stadtvätern zur Entscheidung vorgelegt. Danach sollte das fäkalienhaltige Abwasser durch ein unterirdisches Druckrohrsystem aus dem Zentrum der Stadt auf die umliegenden sandigen und grundwasserfernen, ertragsarmen Flächen zur Verrieselung gepumpt werden. Dafür wurde die Stadt in 12 Radialsysteme aufgeteilt, die auf dem Feld über Standrohre (Kontroll- und  Überlauffunktion) und Schlammabsatzbecken zu offenen Gräben führten. Auf den Feldern waren durch Saisonarbeiter und Strafgefangene mit den einfachen Instrumenten der damaligen Zeit (Hacken, Spaten, Schaufeln, einfache Nivelliergeräte, Feldbahnen und Karren) in mühsamem Einsatz terassenartig Flächen von je 1/4 Hektar eingeebnet und mit einem Graben- und Wegesystem erschlossen worden. J. Hobrecht überwachte diese Arbeiten und forderte eine hohe Qualität, die für das Gelingen des Projektes Voraussetzung war. Das Abwasser sollte durch den Bodenfilter gereinigt und danach in flachliegenden Dranrühren gereinigt zu tiefer liegenden Vorflutern abgeführt und letztlich „gereinigt“ in die Spree abgeleitet werden. Ein erstes Versuchsrieselfeld westlich Kreuzbergs im Tempelhofer Unterland bestätigte 1870 die erwarteten Vorteilswirkungen der Abwasserverrieselung. In einem Abschlussbericht heißt es: „Baue man Gemüse und Gras zu gleichen Teilen an, könne mit einem Gewinn von jährlich 1900 Mark gerechnet werden“.

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Dorfzeitung

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