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Jun 24 2015

Rieselfelder (3): Kein Gemüseanbau auf Rieselfeldern

Aus aktuellem Anlass soll in der dritten Folge der Rieselfeldgeschichte über ein Problem berichtet werden, das in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts zur schrittweisen Einstellung der landwirtschaftlichen Abwasserverwertung führte.
Jahrzehntelang waren hygienisch belastete, fäkalhaltige Abwässer aus der Stadt auf die erschlossenen Rieseltafeln zur Produktion von Gemüse und Feldfutter mit großem wirtschaftlichen Erfolg ausgebracht worden. Es war nicht bekannt, dass mit den Feldfrüchten viele Stoffe und Erreger in die Stadt zurückkamen. Schwere Magen-Darm- Erkrankungen traten nach dem Verzehr von Rieselfeldgemüse gehäuft auf. Es gab Todesfälle. Als Ursache wurden fäkalcoliforme Bakterien erkannt. Zunächst musste die Karrenzzeit von 14 Tagen zwischen Abwassereinsatz und Ernte der Feldfrüchte verlängert werden. Das hat auf den zur Trockenheit neigenden B.den bei den feuchteverwöhnten Pflanzen zu erheblichen Ertragseinbußen geführt. Als Befunde von der Überlebensfähigkeit der Coli im feuchten Rieselboden von über 30 Tagen bekannt wurden, musste die Gemüseproduktion 1969 nach Verordnungen des Magistrates von (Ost-)Berlin und etwa 10 Jahre später des Senates von (West-)Berlin auf Abwasserverwertungsflächen eingestellt werden. Für die Gemüsebauern war das ein enormer wirtschaftlicher Schaden. Die Hygieneaufsicht musste mehrfach hart durchgreifen und Verstöße der Abwasser- und Klärschlammausbringung auf Gemüseflächen ahnden. Besonders groß waren die Gesundheitsschäden in den Krankenhäusern der Stadt. So sollten in der Kinderstation des städtischen Krankenhauses Berlin-Buch Kinder mit bestimmten Darmbeschwerden nur mit Rohmilch versorgt werden. Schnell wurde erkannt, dass die Milch von Kühen, die mit Rieselfeldfutter versorgt wurden, colibelastet war und sich dadurch Erkrankungen der Kinder verschlimmerten. Ein hygienisch begründetes Kein Gemüseanbau auf Rieselfeldern und überwachtes System zur Gefahrenabwehr wurde eingeführt. In Berlin-Buch am Stener Berg durfte ein Kuhstall mit 60 Milchkühen nur noch mit Futter von Naturland (außerhalb der Rieselfelder) versorgt werden. Die Tiere wurden von geschultem Personal betreut, in einem getrennten Melkstand gemolken, die Milch in gesonderten Tanks zum Krankenhaus transportiert, dort mikrobiologisch untersucht und erst danach an die Kinder ausgegeben. Diese Milch mit zugesicherten Eigenschaften (sogenannte Vorzugsmilch) wurde besser bezahlt, als die Milch, die pasteurisiert in den Handel gelangte. Diese strengen hygienischen Maßnahmen waren erfolgreich. Die zur Zeit grassierende Ehec- Epidemie in Deutschland wird durch andere coliforme Bakterien ausgelöst. aber ein strenges Hygieneregime wie vor 60 Jahren dürfte auch Heute wirksam sein. Die ertragswirksame Klärschlamm-„ Düngung“ war eine weitere Ursache für die Einschleppung von Krankheitserre gern in B.den, Pflanzen und in die Nahrungskette. Die hohe Düngewirkung der nährstoffhaltigen Abwasserrückstände wurde bis in die 80er Jahre gern praktiziert, obwohl die schädlichen Nebenwirkungen einiger Begleitstoffe bereits bekannt waren. Die Folgen dieser Abproduktverwertung sind noch heute messbar. Erst mit einer Klärschlammverordnung wurde 1982 eine strenge gesetzliche Grundlage zur Begrenzung des Klärschlammeinsatzes geschaffen. Das Abwasser wird heute in modernen Kläranlagen vorflutgerecht aufbereitet. Neben den biologisch- hygienischen Folgen der Verwertung belasteter Abprodukte wurden auch organische und chemische Schadstoffe im Transfer Boden – Pflanze wirksam. Darüber wird in einer sp.teren
Folge berichtet. Prof. Reinhart Metz

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Dorfzeitung

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